Kunst und Gesellschaft

Wechsler

Die Untersuchung

Die Schweizer Regierung gab eine Untersuchung in Auftrag – geleitet von Betty Zucker aus Zürich – zum Phänomen, dass ein auffallend hoher Prozentanteil von Lehrlingen in der deutschen Schweiz schon im ersten Jahr der Ausbildung einen Wechsel vollzieht.

Von allen jungen Menschen zwischen 16 und 21 Jahren wählen rund zwei Drittel die Berufslehre. Gemäß Statistik wechseln im ersten Jahr ihrer Ausbildung zwischen oder das Unternehmen, oder die Berufslaufbahn. Allerdings gibt nur ein vergleichsweise kleiner Anteil (5% – 7%) die Ausbildung ganz auf. Die Untersuchung ging den Gründen für den Wechsel mit einer gesamtgesellschaftlichen Sicht nach.

Von Argentinien aus über junge Schweizer nachdenken?

Carmen Olaechea und ich wurden von Betty Zucker eingeladen, auf der Basis der abgeschlossenen Feldarbeit und erster qualitativer Analysen mögliche Dilemmas zu identifizieren, vor denen die jungen Menschen – und auch die anderen ins System der Berufslehre eingebundenen Personen und Stellen - stehen und die möglicherweise mit den Anstoß geben, einen Wechsel zu vollziehen.

Viele Welten fließen zusammen, wenn die Stunde der Wahl oder des Wechsels einer Berufs- und Ausbildungslaufbahn schlägt: die Erziehung, die Wirtschaft generell, die jeweilige Branche im speziellen, das Unternehmen, das System der Lohnarbeit, staatliche Behörden, die Politik, die Familie und die Gruppen sozialer Zugehörigkeit der Jungen. Jede einzelne dieser Welten hat ihre eigenen Mechanismen und Regeln, Werte, Grundhaltungen, Paradigmen und unbewussten Grundannahmen. Aber noch mehr: die Fundamente selber jeder dieser Welten befinden sich in einem tief greifenden Wandel. Bekannte Paradigmen leben heute Schulter an Schulter mit neu heranwachsenden – zum Beispiel, was die Rolle und die Bedeutung des Wissens angeht, oder die Beziehung zwischen Unternehmen und Mitarbeitern, oder die reale und metaphorische Bedeutung, die unsere moderne Gesellschaft dem Jungsein beimisst. So leben jungen Menschen heute in einer Realität, die im Kern von der Vielfalt alternativer, optativer und einander widersprechender Paradigmen gekennzeichnet ist. Das Phänomen des Lehrstellenwechsels ist wohl eins der sichtbaren Symptome eines generellen Zustandes und einer tiefer liegenden Herausforderung der modernen Gesellschaft – die Gleichzeitigkeit und Parallelität von traditionellen und neuen Paradigmen, die zusammenfließen und nebeneinander und oft sogar gegeneinander leben: in jedem Sektor und in der Gemeinschaft als ganzes.

Es war sehr interessant für uns, in dieser Untersuchung mitarbeiten zu können. Natürlich besitzt jede Gesellschaft ihre Eigenheiten. Es ist ein müheloses Unterfangen, das Augenmerk auf die Unterschiede zwischen der Schweiz und Argentinien zu legen. Aber die jungen Menschen von heute sind in eine andere Welt geboren als wir, die Generation der Eltern: ein Welt mit neuen Territorien – globale, virtuelle – und auch mit Problemen, die längst nicht mehr angebunden sind an die Eigenarten einer bestimmten Gesellschaft. Einige dieser Herausforderungen scheinen einen tiefen Wandel des menschlichen Daseins insgesamt anzuzeigen. Darum ist es gar keine hergeholte Sache, von Buenos Aires aus über junge Schweizer nachzudenken. Im Gegenteil, im Zuge unserer Arbeit setzten wir uns mit jungen Argentiniern zusammen, um mit ihnen über das Thema dieser Untersuchung zu sprechen und von ihnen zu hören, was sie zum Phänomen des Wechsels – nicht nur des beruflichen - sagen. Die Umstände sind andere, aber die Inhalte nicht.

Wozu Bilder in einer soziologischen Untersuchung?

Hand in Hand mit der intellektuellen Arbeit entwickelte ich auf Wunsch der Projektleiterin einen Körper von Mr. Fivehair-Zeichnungen zum Thema der Dilemmas und konkurrierenden Paradigmen. Dabei hatte ich die künftigen Leser der Studie vor Auge – Vertreter staatlicher Behörden, Unternehmer, Ausbildner und andere Referenten der Schweizer Gesellschaft – und fragte mich: was habe ich als Künstlern den Jungen meiner eigenen Gesellschaft zu sagen? Was erzählen die Bilder, das nicht eine wiederholende Illustration eines intellektuellen Textes ist?

Wie in so vielen anderen Arbeiten auch, in denen ich mit Experten aus anderen Wissens- und Erfahrungsgebiete zusammenarbeite, fand ich meinen Weg erst, als ich nicht länger versuchte, eine Antwort auf meine Fragen zu finden. Das wahre Problem war nämlich gar nicht die Antwort, sondern die Frage selber. Und so fand ich den Einlass zu meinem künstlerischen Beitrag mit der folgenden neuen Frage: welches sind die Inhalte dieser Studie, zu denen der Leser mit der Lektüre allein keinen Zugang findet?

Die Komplexität eines Themas kann dazu führen, dass wir uns bemühen, besonders genau zu denken. Das wiederum bedingt, dass wir uns dem Thema in speziell intelligenter und ausgeklügelter Weise annähern und die Ergebnisse unserer Überlegungen in eine maximal präzise Sprache fassen: jedes Wort soll seine exakte Bedeutung haben, jede Idee und jedes Argument sollen ihren genau bestimmten Platz einnehmen – wir wollen ja auf die Komplexität nicht mit Unschärfe und Ambivalenz antworten. Genau aus diesem Ansatz aber resultieren zwei neue Schwierigkeiten. Erstens sind die Sprachen und Methoden, mit denen wir Komplexität behandeln, meist selber so komplex, dass sie eine hohe Hürde darstellen und den Zugang zu den Inhalten erschweren oder sogar verbauen können. Zweitens sind es oft ausgerechnet die Genauigkeit des Denkens und die Präzision des Formulierens, die uns – paradoxerweise – von der Essenz komplexer Inhalte entfernen: grad so, als töte unser Netz den Schmetterling, den wir einfangen wollen. Und schließlich auch noch das: grad in so komplexen Fragen wie der des sozialen Zusammenlebens ist es nötig, auch die Stimme des Herzens zu Wort kommen zu lassen – auch sie hat uns etwas mitzuteilen, wenn es um die Erziehung und das Heranbilden der kommenden Generationen geht.

Darum schien mir, dass das Beste, das ich Künstler den Lesern bieten könne, sei eine zweite Eingangspforte gleich neben der Logik und der Vernunft. Meine Bilder wollen emotional stimulieren und die Intuition wecken: sie wollen auf archetypische Gehalte hinweisen im Zusammenhang mit der Integration der neuen Generationen in unsere Gemeinschaft.