Kunst und Heilung

Das Leiden des Körpers, des Geistes und der Seele führt in eine Krise der Biographie des Leidenden und seiner Gemeinschaft. Die bekannte Ordnung zerbröckelt, die Pläne zerschlagen sich, die Weiterführung bisheriger Wege und Erfahrungen steht im Ungewissen, und die Rückkehr in ein bekanntes Vorher ist oft unmöglich. Das Leben sieht nicht mehr so aus, wir es uns vorgestellt hatten. Die Krise der Krankheit ist auch eine Krise unserer Bilder vom Leben und von uns selbst.

Mit meinem künstlerischen Schaffen möchte ich dazu beitragen, dass die kreative Kraft der inneren Bilder und des Vorstellungsvermögens des Patienten und der Menschen, die ihn pflegen und begleiten, erneut erblühen kann.

 

Turbulentes Zusammenfließen von Bildwelten

In der mit einer Krankheit verbundenen Krise selber und auch auf dem Weg durch diese Krise hindurch fließen verschiedene Bildwelten in einen Dialog untereinander zusammen:

  • Die Bilder des Patienten: von sich selbst, seinem augenblicklichen Zustand und seinen Zukunftsperspektiven, und auch seine Erinnerungs- und Hoffnungsbilder. Je nach der Schwere der Krankheit kann sich die Notwendigkeit ergeben, diese bestehenden Bilder nicht nur einer Prüfung unterziehen, sondern von ihnen Abschied nehmen zu müssen. In solchen Momenten ist es oft der Fall, dass sich auch die Bilder wandeln, die der Patienten von den ihm nahe stehenden Menschen besitzt
  • Die Bilder der Angehörigen und Freunde: vom Patienten und seiner Stellung und Rolle im Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis; und auch ihre Bilder von sich selbst. Oft löst die Verwundbarkeit einer nahe stehenden Person eine große Turbulenz der eigenen Vorstellungsbilder aus und führt auch jene Bilder in eine Krise, die die Familie und Freunde vom Leben, vom Leiden, der Verletzlichkeit und der Vergänglichkeit besessen haben.
  • Wissenschaftliche Bilder: sowohl Bilder auf technologischer Ebene (moderne Bildgebungsverfahren) wie auch Bilder im übertragenen Sinn von den Ursachen und Symptomen der Krankheit und den Perspektiven der Heilung.
  • Bilder der Ärzte, Therapeuten, Schwestern und Pflegern: vom Patienten und seiner Krankheit, und auch ihre persönlichen Vorstellungsbilder über mögliche Heilungschancen und -verläufe.
  • Bilder von Seelsorgern und spirituellen Begleitern: über den Sinn des Leidens, die Bedeutung eines erfüllten Lebens und des Sterbens.
  • Bilder der Gesellschaft generell: von der Gesundheit, der Krankheit, den medizinischen Berufen, der Rolle der Wissenschaft, dem Spital oder der Klinik und einem glücklichen, würdigen und sinnvollen Leben.

Manchmal fließen diese vielen Bilder und Bildwelten auf harmonische Weise zusammen. Oft aber bleiben sie voneinander getrennte Welten sowohl im Innern des Patienten wie auch in seiner Außenwelt: ein turbulentes Durcheinanderwirbeln von bezugslosen Einzelbildern, das den Weg der Heilung erschweren kann. Ich glaube, dass die Kunst in der Lage ist, in bedeutsamer Weise dieses Zusammenfließen zu erfassen, seine Grundenergien zu erforschen und einen regenerativen Dialog zwischen äußeren und inneren Realitäten zu begünstigen.

 

Eine gemeinsame Suche

Das Erforschen der in Heilungs- und Rehabilitationstätten zusammenfließenden Bilder und Bildwelten ist eine Gemeinschaftsaufgabe, an der sich Vertreter aller beteiligten Felder beteiligen - Ärzte, Therapeuten, Personal, Wissenschafter und sogar auch die Patienten und ihre Nahestehenden – denn sie alle verbinden die gleichen quer laufenden Fragestellungen:

  • Welches sind die persönlichen, medizinischen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Bilder, die im klinischen Alltag zusammenfließen?
  • Welches sind die Charakteristiken dieses Bildgewebes, und wie begünstigen – oder erschweren – sie die Heilungsperspektiven?
  • Welches sind die medizinischen, therapeutischen, didaktischen und kreativen Maßnahmen, die in gezielter Weise die heilende Kraft dieser Bildwelten verstärken können?

Jeder Bereich steuert seine eigenen Bilder bei, aus denen sich so eine Komposition herausformt. Diese Bildersammlung wird – im realen und metaphorischen Sinn – zum gemeinsamen Anschauungsraum, der verschiedenartige Blicke und Sichtweisen zusammenführt. Der Beitrag der Kunst besteht darin, diese Suche nach den Grundbildern zu stimulieren und zu bereichern, die unser Verständnis von Krankheit, Heilung und einem würdevollen Leben prägen.

 

Ein gemeinsames Sehen

Dank des Blickes auf das eigene Bilderuniversum können Ärzte, Therapeuten, Personal und Vertreter anderer an der Heilung beteiligter Bereiche jene Felder identifizieren, in denen durch spezifische und auf die konkreten Bedingungen des Spitals oder der Klinik abgestimmte Maßnahmen die heilende Kraft äußerer und innerer Bilder verstärkt werden kann.

Wenn sich die Bildersammlung auch den Wissenschaften und dem allgemeinen Publikum öffnet, besteht die Chance, zwei Dialoge zu vertiefen – den konzeptuellen Dialog über die Rolle des Bildes im Heilungsprozess, und den Dialog zwischen der Außenwelt und der Innenwelt der Heilungsstätte.

 

Ein organischer und differenzierter Beitrag

Meine Vision eines künstlerischen Beitrages an Heilungsprozesse ist, dass dieser Beitrag aus dem Universum selbst heraus entwickelt wird, dem er dient, und nicht von außen her als Zusatzaggregat installiert wird. Ich habe großen Respekt vor der Kraft der Bilder: wachsen sie in einer so kritischen Lebenslage wie der Krankheit nicht organisch heran, können sie sogar kontraproduktiv sein. Ich glaube darum, dass ein kreatives Beitragen zum Heilungsprozess unbedingt auf dem Dialog zwischen Medizin und Kunst fußen muss.