Kunst und Medizin:

Achtsamkeit in Zeiten der Krise
Achtsamkeit in der westlichen Medizin und Psychotherapie

Das Projekt

Im Jahr 2007 lud mich die Ärztin und Psychiaterin Dr. Ulrike Anderssen-Reuster (Dresden) ein, als Autor an einem der ersten Bücher in Deutschland mitzuwirken, in dem Mediziner, Wissenschafter, Psychiater, Psychologen, Therapeuten, Philosophen und Denker die Rolle der Achtsamkeit in den körperlichen, neurologischen und seelischen Heilungsprozessen untersuchen. Die Autoren präsentieren neue Untersuchungen und Verständnisse dieser Technik und Anwendungsmöglichkeiten im praktischen und klinischen Alltag.

Was ist Achtsamkeit?

Achtsamkeit ist eine meditative Praxis, bekannt aus der buddhistischen Philosophie, aber auch dem christlichen Gedankengut. Es handelt sich um eine Haltung des unbeteiligten, gelassenen Beobachtens aller sich uns zeigenden Phänomene einschließlich der eigenen Gedanken und Gefühle: wir sind achtsamer Zeuge all dessen, was ist und geschieht. Im Gegensatz zur Konzentration sucht die Achtsamkeit nicht die Hinwendung zu etwas Spezifischem, sondern die Öffnung des Gewahrseins zum größtmöglichen Panorama. Seit einigen Jahrzehnten hat die Achtsamkeit Einlass in die westlichen Therapiepraktiken gefunden und ist heute auch Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen

Navigieren ohne Landschaft und ohne Landkarte?

Mein Beitrag – "Landkarten der Achtsamkeit – Achtsamkeit in Zeiten der Krise" untersucht, wie Zeiten der Übergänge und Krisen nicht nur unsere bekannten Antworten auf den Prüfstand stellen, sondern wie auch die Fundamente unserer Orientierung selber ihren Bezug zu der uns bislang vertrauten Realität verlieren. Mögen wir uns noch so fest an unsere Überzeugungen und Wertvorstellungen klammern: sie scheinen ihre ordnende Kraft verloren zu haben. Der Buchbeitrag legt zugrunde, dass die äußere Realität (die Welt der Dinge und Fakten) und die innere Realität (unser Sehen, Erkennen und Deuten) nicht voneinander getrennte Bereiche sind, sondern dass sie zusammenarbeiten in der Schöpfung und Gestaltung unserer Welt. Das führt zur These, dass im Zerbröckeln bekannter Ordnungen – schmerzhaft wie es sein mag – auch der Keim eines Wachstums steckt. In solchen Phasen ist es üblich, dass sich unser Sehen zum Tunnelblick verengt und sich unsere Aufmerksamkeit auf einen Gefahrenpunkt hin zusammenzieht: wir sind paralysiert durch Widersprüche und die eigene Unfähigkeit, sie zu lösen. Der Beitrag schlägt vor, mit Navigationskarten zu arbeiten. Ausgehend von dem, worauf wir uns reduzierend konzentrieren, helfen sie, das Sehen nicht nur bezüglich äußerer Umstände, sondern auch unserer selbst zu erweitern.

Bilder für das Unvorstellbare?

Der Buchbeitrag ist mit Zeichnungen von Mr. Fivehair illustriert. Er begleitet die Leser auf der Suche nach einem Weg vom Zustand der engen und einengenden Konzentration hin zu einem beobachtenden und weiten Gewahrsein. Achtsamkeit erlaubt uns, uns der eigenen Emotionen, Ideen und Konzepte in doppelter Hinsicht bewusst zu werden – als Annäherung an die Realität (derer sie selber ein Teil sind) und gleichzeitig als Barriere, die uns von ihr fernhält. Ein Bild erlöst uns von diesem Paradox genauso wenig wie Wörter, mathematische Formeln oder sonst ein System der Repräsentation. Aber die Kunst kann unsere Fähigkeit in Schwingung versetzen, über die Grenze der Gefühle hinaus zu spüren, über die Schranken der Sinne hinaus zu empfinden und über das Wahrnehmungsvermögen von Körper und Geist hinaus zu erkennen. In diesem Sinn tritt Kunst nicht in Wettbewerb mit anderen Repräsentationen: ein Bild sagt nicht mehr als tausend Worte, sondern verweist auf das, was sich den Worten entzieht.