Mr. Fivehair:

Mr. Fivehair

Woher kommt Mr. Fivehair?

Er tauchte nachts auf, am 17. Mai 2002, in der Küche des Hauses von Potential Mrs. Fivehair in Buenos Aires. Kein Zweifel: er hatte mich schon seit geraumer Zeit beobachtet und geduldig günstige Umstände für seinen Auftritt abgewartet – zu jener Zeit nämlich besaß ich keinen Plan, kein Konzept und keine Gedanken, die Mr. Fivehairs Einfließen über den Stift in meiner Hand aufs Papier auf dem Küchentisch verhindert hätten. Seitdem ist er bei uns. Die dreißig Zeichnungen dieser ersten Nacht sind auf einen Fundus von zwölf tausend Stück angewachsen: Einzelzeichnungen, Geschichten, Illustrationen, Bilder und Texte. Und wir wachsen gemeinsam weiter, er und ich und die Menschen, in deren Leben seine Bilder Einlass gefunden haben.

Wer ist Mr. Fivehair?

Er hat fünf Haare und ein großes linkes Ohr, mit dem er auch zwischen den Zeilen hören kann: Mr. Fivehair ist kraft seiner Natur ein Entdecker. Er reist frei und quer durch die verschiedenen Realitäten unserer Zeit – die Welt der Unternehmen, sozialen Organisationen, der Wissenschaften, der Politik, durchs öffentliche Leben, die Künste, Religionen und Kulturen. Doch er tritt in diese Welten nicht als Tourist und Beobachter ein, sondern als Mitgestalter im Alltagsleben. Er teilt die Hoffnungen, Haltungen und Glaubenssätze der Menschen in ihnen. Wie wir alle sucht auch er einen eigenen Weg, während er gleichzeitig Erfolg und ein erfülltes Leben anstrebt. Mr. Fivehair bewegt sich in diesen Realitäten voran, bis er – wie wir auch – gegen eine der unsichtbaren Mauern prallt, die sich quer durch die Welt und unsere Köpfe ziehen. Hier beginnt seine eigentliche Entdeckungsreise hin zu den versteckten Seiten unseres Alltag: den emotionalen Bedingungen, den geistigen Strukturen, den inneren Haltungen und Lebensbildern... jenen eingewickelten Dimensionen, die uns schon so in Fleisch und Blut eingegangen sind, dass wir uns ihrer Existenz gar nicht bewusst sind.

Wie blickt er ins Leben?

Mr. Fivehair ist nicht abgetrennt von der Welt, in der er lebt. Seine Augen blicken nicht auf eine objektive Realität, die auch unabhängig von seinem Hinsehen bestünde. Er weiß, dass das Beobachten mitbeteiligt ist an der Gestaltung des Beobachteten, und so er lädt er uns ein, auch einen Blick auf unser eigenes Sehen zu werfen und auf die Bilder, die wir uns von der Welt, dem Leben und uns selbst gemacht haben – nicht mit dem Ziel, diese Bilder zu zerstören, sondern den gestaltenden Dialog zwischen uns und unserem Dasein lebendig zu erhalten.

In wessen Gesellschaft hält er sich auf?

Auf seinen Reisen spricht er mit Menschen ganz unterschiedlicher Kulturen und Mentalitäten und Herkommen: Unternehmer, Bewohner von Slums, Wissenschafter, Arbeitslosen, Chefs sozialer Einrichtungen, Erzieher, Jungen und Alten, Akademikern und Lehrlingen, Fanatikern, Suchenden und Überzeugten, Routiniers und Menschen mitten in Übergängen und Krisen.

Warum wandelt sich sein Erscheinungsbild?

Prähistorischer Vogel, Spiderman, Geschäftsmann, Sozialarbeiter, Wissenschafter, Künstler, Gewinner und Verlierer, jung und alt, reich und arm, Vorreiter und Angehöriger des apathischen Publikums, Nobelpreisträger und Anfänger, General und Soldat, und einmal sogar auch ein Stein im Sandkasten eines Zen-Gartens... Mr. Fivehair ist immer Mr. Fivehair, auch wenn er in vielen Rollen auftritt und sich sein äußeres Erscheinungsbild verändert. Die Variation und Diversität seines Auftritts drücken die Potentiale aus, die uns allen innewohnen, und manifestieren eine menschliche Grundeigenschaft: das Mitfühlen, also die Fähigkeit und den Willen, sich in andere hinein zu versetzen. Wir messen der persönlichen Identität jedes Einzelnen heute große Bedeutung bei: sie soll uns definieren und von anderen unterscheiden. Indem aber Mr. Fivehair von einem Eigenbild zum andern wechselt, sucht er die uns innewohnenden Möglichkeiten zu erkunden, die uns hinter dieser oder jener definierten Identität erwarten – die Essenz, wie die einen sagen, oder den Geist, wie andere es nennen.

Wer sind seine Freunde?

Die Liebe seines Lebens heißt Potential Mrs. Fivehair – nicht weil ihre Liebe unter dem Vorbehalt künftiger Entwicklungen stünde, sondern wegen der Potentiale, die Die Liebe in ihnen (und uns) freisetzt. Potential Mrs. Fivehair mit ihrem dicken schwarzen Haar fordert Mr. Fivehair zärtlich heraus, wenn er das Prinzip der Unschärfe und Unbestimmbarkeit wieder einmal vergisst. Beide wissen sie, dass wir, um einen anderen Menschen lieben zu können, auch uns selbst gern haben müssen, und dass wir dazu der Liebe des andern bedürfen.

Der Schatten begleitet Mr. Fivehair auf Schritt und Tritt und mischt sich stets auf unverhoffte Weise in seine Unterfangen ein: manchmal unterstützt er ein Vorhaben und manchmal stört er es. Der Schatten verkörpert jene Eigenheiten, die Mr. Fivehair nicht als eigene wahrnehmen und anerkennen will oder kann (und die er dafür nur umso deutlicher in anderen Menschen sieht), und gleichzeitig auch seine noch unerforschten inneren Tiefen (von denen er noch gar weiß, dass sie existieren).

Wenn weder die Ideen, noch die Gedanken, noch die Gefühle, noch die inneren Stimmen Mr. Fivehair Rat zu geben wissen, dann taucht Mariposa der Schmetterling aus dem Nichts auf. Mariposa sagt kein Wort – allein schon ihre Gegenwart bewirkt, dass Mr. Fivehair sich mit seiner Seele verbindet.

Und die Krawatte und die Brille?

Je nachdem, wo er grad steckt, bindet sich Mr. Fivehair eine hübsche Krawatte um den Hals. Freilich, sie ist nur ein Symbol. Doch ihre Wirkungen sind nur umso realer, etwa wenn er morgens – fünf Krawatten in der Hand - vor dem Spiegel und der Frage steht: „in welche erprobte Binsenwahrheit kleide ich mich heute, um meine Einzigartigkeit zur Geltung zu bringen?“. Die Brille auf der Nase ist fundamental, wenn es gilt, existentielle Entscheidungen zu treffen; zum Beispiel, ob er sein Tun nach dem Strategieplan oder dem Orakel ausrichten soll. Die Krawatte scheint den Plan zu bevorzugen, aber dank der Brille wählt Mr. Fivehair den zweiten Weg – beim Orakel besteht ja immerhin eine minimale Chance, dass sich seine Vorhersage bewahrheitet.

Einer wie alle?

Mr. Fivehair empfiehlt uns, über die Toleranz hinauszugehen und ins Gefilde des Respekts einzutreten. Oft bedeutet ja Toleranz im Alltag nicht mehr, als den andern gewähren zu lassen, solange er uns nicht stört – eine Haltung, die im Kern Desinteresse ausdrückt und die trennende Distanz aufrechterhält. Demgegenüber verlangt Respekt, dass wir den Blick auf den andern richten, hinschauend und wieder hinschauend, auch wenn wir, was wir sehen, weder verstehen noch schätzen. Respekt fordert uns heraus, uns für das Andere und Abweichende zu interessieren und uns Inhalten und Menschen anzunähern, die wir noch gar nicht kennen. Es fällt Mr. Fivehair gar nicht immer leicht, Respekt zu empfinden, denn er ist ein Typ wie jeder andere – er weiß (wie wir auch), dass die Lebenskunst ja nicht darin besteht, Ausrutscher zu vermeiden, sondern sie wie neue, trendige Tanzschritte aussehen zu lassen.

Was bringt ihn zum Lachen?

Mr. Fivehair macht nicht lächerlich. Sarkasmus, Zynismus und das bloße Karikieren von allseits bekannten Inhalten und Verhaltensweisen findet er undienlich. Er will menschliche Schwächen und Unzulänglichkeiten nicht nachahmend kopieren, auch nicht auf kreative Art. Ironie, Humor und Zärtlichkeit sind keine Selbstzwecke, sondern Vehikel für die Reise der Leser selber: hin zu größerer Nähe zu sich selbst und zu andern. Über sich selber lachen zu können, das ist für Mr. Fivehair eine Eintrittskarte zu einem erfüllten und verbundenen Leben.

Was ist Mr. Fivehairs heimliche Agenda?

Keine. Mr. Fivehair repräsentiert niemanden und steht für keine Glaubenshaltung, Religion, Weltanschauung, Gedankenschule, Doktrin, Credo oder Bewegung. Er nimmt nicht Partei für bestimmte Gruppen. Aber ja: er ist gegen den Missbrauch von Macht, Manipulation, körperliche und geistige Gewalt, schädliche Simplifizierung, unkritisches Denken, Stereotypen und rein ich-bezogene Haltungen und Sichtweisen. Sein Ziel ist nicht, unsere bewussten und unbewussten Lebens-, Welt- und Eigenbilder niederzureißen, sondern uns zu ermuntern, den Blick auf uns selbst zu werfen und so Wege der menschlichen Begegnung zu suchen.

Wo steckt er heute?

Mr. Fivehair wurde bereits in Argentinien und Europa publiziert. Seit dem Jahre 2004 erscheint er mehrmals wöchentlich in der Zeitschrift changeX in Deutschland. Er begleitet die Leser der publizierten Buchbeiträge, die in Zusammenarbeit mit Experten aus Medizin, Neurologie, Psychiatrie und Psychologie im deutschen Markt erschienen sind. Mr. Fivehair nimmt auch an Erziehungsprogrammen und lokalen und internationalen Initiativen im Bereich Kunst und soziale Transformation teil. In Arbeitssitzungen und Sessionen der Reflexion stößt er neue Sichtweisen an, provoziert unübliche und laterale Gedankenwege, öffnet poetisch-emotionale Zugänge zu komplexen Themen und fängt das so Hervorgebrachte ein.