Kunst und Gewahrsein

Ich – der ganze zerbrochene Krug

Bewusstsein und Trauma –
VI. Wiener Symposium "Psychoanalyse und Körper"

Am VI. Wiener Symposium "Psychoanalyse und Körper" im Jahr 2006 trafen sich Neurobiologen, Psychiater, Psychologen und Psychotherapeuten, um interdisziplinär über den Begriff des "Trauma" nachzudenken.

Wissenschafter präsentierten neueste Ergebnisse aus ihren Forschungen zur Funktionsweise des menschlichen Gehirns. Im Austausch zwischen Wissenschaft und Therapie gingen die Teilnehmer der Frage nach, wie diese neuen Erkenntnisse unser Verständnis des seelischen Trauma und des menschlichen Bewusstsein beeinflussen und möglicherweise sogar modifizieren.

Das Symposium war Teil einer Veranstaltungskette, die der Wiener Arzt und Psychologe Dr. Peter Geissler und sein Arbeitskreis organisieren. An diesem VI. Symposium wurde erstmals auch die Kunst eingeladen, sich mit eigener Stimme dem Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis – und den verschiedenen Disziplinen beider – zuzugesellen.

Warum die Kunst?

Das Symposium wurde als Plattform einer gemeinsamen Suche gestaltet. Über den Austausch von Informationen und Erfahrungen hinaus sollte es eine Stätte des Lernens und des gemeinsamen Kreierens neuer Verständnisse sein, die sich aus dem Dialog ergeben würden. Die Wissenschaften des menschlichen Geistes (mind sciences) weisen die Besonderheit auf, dass der Gegenstand ihrer Forschung und das Gefährt des Forschens identisch sind: der menschliche Geist. Das Hirn versucht, sich selbst zu verstehen; das Bewusstsein sucht, sich selbst einzufangen. Diese Besonderheit kann dazu führen, dass die Suche Begrenzungen unterliegt, derer wir uns vielleicht gar nicht gewahr sind. Es erscheint nämlich außerordentlich schwierig – wenn auch nicht a priori unmöglich -, dass der Verstand die Grenzen des eigenen Verstehens überschreitet. Vor diesem Hintergrund bestand die Erwartung an die Kunst, dass sie mit ihrer poetischen und symbolischen Sprache zu einem Verstehen beitrage, das nicht rein rational ist.

Gleichzeitig wollten wir ein Umfeld schaffen, dass den Austausch der Sichtweisen und, noch wichtiger, den Dialog zwischen den Fragestellungen der verschiedenen Disziplinen begünstige. Die Kunst sollte diese Prozesse motivieren und zum kreativen Denken ermuntern, namentlich auch bezüglich von Themenfeldern mit hoher Komplexität und ambivalenter Grenzziehung.

Die Beschäftigung mit dem seelischen Trauma und dem menschlichen Bewusstsein führt unvermeidlich auch zu philosophischen Grundfragen, beispielsweise der Natur der individuellen Identität, der Essenz des „Ich“ oder zur Frage, ob es nur ein einziges „Ich“ gibt oder mehrere: nicht im pathologischen Sinn, sondern als Daseinsbedingung des Menschen. Solche Fragen – von großer Bedeutung sowohl in der Wissenschaft wie auch in der Therapie – berühren unsere existentiellen Lebensbilder. Sie reichen weit über das hinaus, was unsere Sprachen einzufangen vermögen. Hier bestand die Erwartung, dass die Kunst eine Hilfestellung leiste, sich diesen archetypischen, transzendenten und letztlich unerforschbaren Feldern anzunähern.

Wie kam der künstlerische Beitrag zustande?

Mein Beitrag bestand aus drei Teilen. Erstens malte ich, in Vorbereitung des Symposiums, 33 Bilder, deren Thema und Ausgestaltung sich von der Kernfrage des Kongresses inspirierten. Sie wurden während des Anlasses im Plenumssaal und den angrenzenden Räumen ausgestellt, in denen die Teilnehmer zirkulierten. Zweitens bestand meine Aufgabe darin, während des Symposiums „life“ zu zeichnen; ich nahm an den Plenumssitzungen und den Gruppensessionen teil, um die aus den Präsentationen und Diskussionen heranwachsenden Inhalte bildlich einzufangen. Diese Zeichnungen integrierten sich jeweils am Folgetag in die Ausstellung. Zudem luden mich die Veranstalter ein, den Teilnehmern in einer kurzen Präsentation täglich über die Entwicklung der künstlerischen Arbeit vor Ort zu berichten. Drittens schließlich steuerte ich zum im Anschluss ans Symposium publizierten Tagungsband mit den Kernaufsätzen der Experten ein eigenes Kapitel sowie die Illustrationen bei, die während der Tagung entstanden waren.

Wie entstanden die Bilder der Ausstellung?

Meine grundlegende Herausforderung war: wie kann ich künstlerisch beitragen zu einem Dialog zwischen Experten aus Disziplinen, denen ich selber nicht angehöre? Und dann die viel schwierigere Frage: was ist meine eigene künstlerische Vision zu einer so existentiellen Thematik wie Trauma und menschliches Bewusstsein? Die erste Entscheidung, die ich traf, lautete, in einen direkten und persönlichen Austausch mit den Inhalten zu treten, die am Symposium behandelt würden. Während dieser Etappe des Studiums produzierte ich eine große Anzahl von Texten und Bildern, die – auch wenn sie mir halfen, mein eigenes Verstehen zu vertiefen – doch alles etwas gemeinsam hatten: es fehlte ihnen das Symbolische. Diese ersten Texte und Bilder waren eine intellektuelle Artikulation, ein Spiegelbild meiner eigenen Lektüre und meiner Reflexionen zum Thema. Ich spürte, dass sie nicht von vitaler Kraft beseelt waren. Was mir fehlte, war ein Leit-Bild, eine Gestalt jenseits des Horizontes meines eigenen Verstehens. Einfach gesagt: ich hatte mich dem Thema noch nicht hingegeben – und ohne Hingabe gibt es keine Wissenschaft, keine Therapie, keine Kunst.

Es überraschte mich nicht, dass mir das Leitbild in einem Traum zukam. Ich träumte von einem vollen Wasserglas, das vor meinen Augen in unzählige Scherben zerbricht, über die das Wasser nun frei dahin fließt. Dieses Bild wurde zu meiner inneren Führerin während aller nun folgenden Arbeiten, und ich formulierte es in der folgenden Frage:

Wenn der Krug bricht und Scherben liegt – wer ist die
Instanz, die von sich selbst sagt:
“Ich liege in Scherben?"

Von diesem Moment an erblühte der kreative Prozess. Während Monaten schuf ich ein Bild ums andere, und entwickelte sie alle gleichzeitig weiter: der Strich in einem Bild führte mich direkt zu einem andern Strich in einem andern Bild, der gewonnene Kampf in einem Detail des einen Gemäldes öffnete den Weg für die Arbeit in den anderen. So wuchsen diese 33 Bilder wie ein einziger Körper heran, und während des Arbeitens fühlte ich, dass sie – alle zusammen – ein Ganzes bilden.

Die Struktur des Mandalas als Basis vieler der 33 Bilder ergab sich sozusagen unwillkürlich. Denn während des Arbeitens beobachtete ich, wie meine anfänglichen Studien nun geschmeidig ins künstlerische Schaffen einfließen konnten – die blaue Hand, etwa, und das farbige Teil, um das sie sich schließt, sind ein und dasselbe: zwei Manifestationen in Raum und Zeit des einen Lebensflusses. Andere Mandalas scheinen ein permanentes Hin- und Herfließen anzuzeigen zwischen Ordnung und kreativem Impuls, oder die Wechselwirkungen zwischen den Teilen und dem Ganzen, beide eingeflochten in den sie wandelnden Dialog zwischen ihnen. Während ich malte und malte, dachte ich unablässig an die Kernfragen des Symposiums, aber es war kein rationales Denken, sondern eher ein kontemplatives Verweilen. Ich hatte mich hingegeben.

Was heißt “life” zeichnen?

Während des Symposiums selber nahm ich an den Plenarsitzungen und Gruppenarbeiten teil. Meine Aufgabe war, bedeutsame Inhalte der Präsentationen und Aussprachen einzufangen. Aber, wie sollte ich wissen, was bedeutsam ist? Und wenn ich es auch wüsste: wie sollte ich die den Ideen und Absichten anderer zugrunde liegende Essenz wirksam erfassen können? Und wenn das nicht gelänge: wie könnte ich dennoch einen wertvollen Beitrag gestalten und mich nicht einschließen in der Rolle des Besuchers, der die Realität anderer Menschen nur als Impuls für seine eigene Kreativität versteht? Was mir den Weg ebnete, waren das Interesse und der Großmut der Teilnehmer selber. Sie empfingen mich mit großer Warmherzigkeit und Neugier, und bezogen mich in ihre Gespräche als einen der ihren ein. Darum war ich nicht der Hochzeitsfotograf, sondern Angehöriger der Familie, und genau das war es, was diese kreative Arbeit so beflügelnd und leicht gemacht und ihre Integration in die gemeinsame Suche begünstigt hat.

"Life" zeichnen bedeutete nicht, dass ich mich von der Spontaneität und der impulsiven Neugier des Augenblicks führen lassen wollte. Ich versuchte, die Logik und die Verknüpfungen der Argumente zu verstehen. Freilich, da die Zeichnungen keine Illustrationen des Gesagten sein wollten, konnten sie sich aufs Archetypische und Poetische hinbewegen, das in den Worten durchschimmerte. Sie konnten auf Territorien verweisen, die – auch wenn sie keiner kennt – uns allen gemeinsam sind.